Erster Zeitungsbericht
Abseits der Touristenpfade:
St.Galler Tagblatt vom 28.Oktober 2004
Die Sukuma gedeihen prächtig im Wittenbacher Gärtchen. Das Gemüse, das mit seinen grossen Blättern unserem Kabis gleicht, wird in seiner Heimat Kenia als Hauptbestandteil des Nationalgerichts Sukuma Wiki geschätzt. Dazu gibts Maismehl, zu einer Art Polenta gerührt. Ein schmackhaftes Gericht, das an Krautstiele erinnert.
Was hat Sukuma im Garten von Marlyse Leu und Thomas Bardill zu suchen?
Die Besitzerin eines Coiffeur-Salons und der Chauffeur einer Brauerei haben Samen mitgenommen, denn mit Kenia verbindet sie mehr als nur Ferienerinnerungen. Seit ein paar Jahren verbringen sie jeweils zwei Wochen dort. Nicht am Badestrand von Mombasa, sondern in Emali, einem kleinen Bergdorf etwa 120 Kilometer nordöstlich von Nairobi. Und statt am Pool eines Erstklasshotels zu bräunen, brüten sie darüber, wie sie den 520 Schülerinnen und Schülern der Ndundune Primary School mit dem Nötigsten helfen können, darunter auch gegen 100 behinderten Kindern. «Im Winter 1999/2000 arbeitete ich ein halbes Jahr lang auf einer Tauchbasis in Mombasa und kam mit den Einheimischen in Kontakt, die den Touristen Boote und Tauchausrüstung herrichteten oder als Fischer ihren kargen Lebensunterhalt verdienten», berichtet die Tauchlehrerin. Wohlstand und Elend liegen in Kenia so nahe beieinander. Zudem verbringt meine Mutter seit Jahren dort ihre Wintermonate. Ihr Lebenspartner Justus stammt aus dem Bergdorf Emali.»
Die ersten Weissen
Es kam, wie es kommen musste: Justus lud die beiden 2003 zu seiner Sippe ein und organisierte einen Besuch beim Schulleiter, Mister Michael. Marlyse Leu: «Nach einer siebenstündigen Busfahrt über unbeschreibliche Strassen gelangten wir auf 1165 Metern Höhe in eine fremde Welt - wohl als erste Weisse. Etwa 5000 Menschen hausen sippenweise in Rundhütten aus einem Holzgerüst, das mit Lehm und Kuhdung zugemauert ist, Agaven-Blätter auf dem Dach schützen vor Nässe und Hitze.» Die gegenseitige Neugier war gross: «Von überall her schienen uns grosse Kinderaugen zu beobachten, und als wir die acht Klassenzimmer betraten, ging ein Raunen und Kichern los», erinnert sich Thomas Bardill.
Nur die Volksschule ist gratis
Unentgeltliche Primarschulen sind in Kenia erst seit Beginn dieses Jahres eingeführt worden, die privaten kann sich nur die Oberschicht leisten. Nach acht Jahren Pflichtunterricht könnten die Kinder eine Art Sekundarschule besuchen, wenn die Eltern denn das Geld dafür hätten. «In ärmeren Regionen wie Maschakos, wo Emali liegt, kann höchstens eines von sechs Kindern einer Familie eine weiterführende Schule besuchen», sagt Marlyse Leu. Viele Männer unterhalten dank Jobs in der Tourismusindustrie in Mombasa oder Nairobi ihre ganze Sippe; fallen sie wegen Krankheit aus, darbt die Grossfamilie.
Leere Vorratskammern
Während ihres ersten Aufenthalts merkten sie rasch, wo die Not am grössten war: Die Ndundune Primary School bietet als Tagesschule ihren Schützlingen auch eine Verpflegung an, doch die Vorratskammern waren gähnend leer. «Die Kinder müssen den Wasservorrat zudem vom rund sechs Kilometer weit entfernten Fluss in Plastikkanistern mitbringen, und die Zisternen sind in einem jämmerlichen Zustand.» Thomas Bardill flicht ein: «Auch das Schul- und Lehrmaterial fehlte an allen Ecken und Enden. Die 16 Lehrer der 5- bis 13-Jährigen sind allerdings gut ausgebildet.» Bereits auf dem Rückweg nach Mombasa stand fest: Die Schule benötigte Hilfe, und gut zwei Monate später, im April 2003, hatten die beiden auch bei Freunden und Kollegen so viel Geld gesammelt, dass sie in Absprache mit dem Schulleiter und Justus das Nötigste anschaffen konnten: 340 Kilogramm Bohnen für die Schulküche, schwarze Farbe für die Wandtafeln. «Eine famose Idee der Einheimischen, denn das Geld für die ursprünglich geplanten Schiefertafeln konnten wir anderswo gut einsetzen». Zement für ein Schulzimmer mit Naturboden und eine Küche, damit der Boden sauber und in der Regenzeit trocken bleibt. Der handschriftliche Briefwechsel mit der Schulleitung und dem Vermittler Justus blieb rege. «Im Jahr darauf kauften wir in der nahe gelegenen Stadt Emali für jeden Schüler ein Rechen- und Schreibheft, auffüllbare Filzstifte für die Lehrer, Kugelschreiber, Ordner, Bücher, Notiz- und Zeichenblätter», erzählt Marlyse Leu, und bald waren die Ostschweizer als «die lachenden Weissen» auf dem Markt von Emali bekannt. «Wir gehen behutsam vor, um die Kenianer nicht in ihrem Stolz zu kränken. Vieles können wir in der Stadt besorgen, die Handwerker sind froh um jeden Auftrag, zum Beispiel die Fenster aus Eisengitter - eine Massnahme gegen fatale Unfälle spielender Kinder - und die Türen für die Schulzimmer. Doch ich kontrolliere jede Offerte, jede Rechnung mit meinem eigenen Rechner, damit sich ja nicht Fehler einschleichen, denn wir wollen unser Geld sinnvoll ausgeben», sagt das energische Persönchen, das sich nicht ins Bockshorn jagen lässt.
Kleider für ein ganzes Dorf
Ein unvergessliches Erlebnis war die Verteilung der 130 Kilo gebrauchten Kleider: «In Wittenbach stellten wir Kombinationen für Babys, Kleinkinder, Schulkinder und Männer zusammen - Frauen schätzen ihre farbenprächtigen Tücher mehr als westliche Röcke und Hosen. In Emali veranstalteten wir einen Basar, keiner der Dorfbewohner sollte leer ausgehen. Und sie kamen in Scharen, teilweise kilometerweit her, denn unsere Aktion hatte sich in Windeseile herumgesprochen. Zuerst ging alles ordentlich vonstatten, zuletzt musste ich mich tüchtig wehren, um im Gezerre ums letzte T-Shirt nicht unterzugehen.» Als Nächstes sollen nun die beiden vorhandenen Wasserzisternen repariert und eine dritte gebaut werden sowie Dachrinnen zur Sammlung von Regenwasser. Die Schulkinder benötigen dringend eine neue Küche anstelle der alten, rostigen aus Blech. «Und schön wären auch Regale für die Vorratskammer, Rollstühle und ein Sitz-WC für die behinderten Kinder - jetzt muss jeweils der Lehrer das Kind zum WC tragen - , Lebensmittel und Schulbänke. Und wir möchten den Kindern einen einfachen Sportplatz für Fussball und Basketball einrichten, zurzeit spielen 520 Kinder mit nur einem Ball . . .»

