Jahr 2006
Sonntag 12.2.06
Wir sind für ein neues Abenteuer startklar. Mit 206 Kg verpackt in acht Koffern und einer riesigen Schachteln bestückt mit zwei Rollstühlen, zwei Krücken und Fussbällen, fahren wir mit Peter und Rolf zum Flughafen Zürich. Das ganze Reisegepäck haben wir in zwei Kombis verstaut. Am Flughafen können wir problemlos einchecken. Da wir Übergepäck beantragt haben, müssen wir nur noch für 40 Kg (240.- sFr.) bezahlen.
Montag 13.2.06
Nach einem ruhigen Flug landen wir wie gewohnt früh Morgens in Mombasa. Die Sonne tut täglich ihr bestes für einen heissen Tag. Um 7 Uhr ist es bereits 30° Grad heiss und sehr feucht. Mit soviel Gepäck geht es jetzt am Zoll ans eingemachte. Geduldig lassen wir uns die üblichen Fragen über das Gepäck über uns ergehen. Nur immer freundlich lächeln und leugnen was das Zeug hergibt. Bis mir der Zöllner mitteilt, dass ich für die vielen Präsente bezahlen soll. Jetzt habe ich aber wirklich genug. Mit einem sehr freundlichen Lächeln und einem tiefen Blick in seine Augen drücke ich ihm 15 Euro in die Hand und gib ihm zu verstehen, dass es jetzt reicht und er uns passieren lassen soll. Endlich verlassen wir das Gebäude. Puh, das fängt ja gut an.
Zu Hause angekommen nehmen wir das zweite Frühstück mit Champagner ein. Er deckt uns aber endgültig zu. Wir brauchen zuerst eine Runde Schlaf. Am Nachmittag sind wir einigermassen fit und beginnen unsere Reise nach Emali zu organisieren. Justus wird das Geld auf dem Schwarzmarkt wechseln. Der Kurs ist für uns dieses Jahr schlecht, die Einkaufsliste ist sehr lang ausgefallen und einzelne Koffer muss ich noch umpacken. Trotz der vielen Arbeit gönnen wir uns eine Abkühlung im Meer. Ihh.. das Wasser ist wie in einer Badewanne – viel zu warm. Kleine Quallen treibt es an den Strand. Sie können ganz heftig brennen und darum verlassen wir das Meer und helfen Mum beim Vorbereiten des Abendessens. Es gibt Grill.
Dienstag 14.2.06
Zum Frühstück sind wir bei Irmgard einer Schweizerin eingeladen. Sie wohnt im Nyaliviertel. Das Haus ist klein, sauber, gemütlich und sehr ruhig gelegen. Nur das Meer ist weiter weg. Zur Begrüssung offeriert sie uns einen Champagner. Hoffe nur der macht uns nicht müde, denn heute ist keine Zeit zum Schlafen. Anschliessend machen wir unseren gross Einkauf im Nakumat. Die Liste ist wirklich lang. Der Einkaufswagen ist voll gestopft mit Reis, diversen Mehlen, Salz, Zucker, Fett, Toilettenpapier, Seife, Servietten, Waschmittel, Schwämme zum Reinigen, Zahnstocher, Kerzen ect. Mit dem Taxi fahren wir nach Hause. Jetzt muss ich noch alles in Schachteln verpacken. Es werden immer mehr davon. Puhh, dass alles muss in Emali bis zum Haus getragen werden. Justus führt mit dem Manager von der Busfirma die letzten wichtigen Gespräche. Wir hoffen, dass der Bus morgen in der Früh auch pünktlich und unbeschadet bei uns eintrifft.
Mittwoch 15.2.06
Tief in der Nacht klingelt das Mobile von Justus. Der Bus hat bereits Verspätung. Statt um 6 Uhr stehen wir eine Stunde später auf. Mum richtet das Frühstück, Thomas schleppt alle Schachteln und Koffer vor das Haus und richtet alles zum verladen her, ich mache für uns alle ein Lunchpacket und Justus irrt etwas hilflos in der Gegend umher.
Endlich, der Bus ist da und die vielen Koffern, Schachtel und Säcke sind schnell verladen und um viertel vor neun fahren wir los. Die Strassen sind nicht die besten. Die Fahrt ist holprig, der Bus zum sitzen total unbequem und rostig. Ich kann sogar durch ein Loch auf die Strasse sehen.
Unterwegs geraten wir immer wieder in Polizeikontrollen. Bei der sechsten muss unser Fahrer Alex sogar noch eine Busse bezahlen. Er war mit 6 kmh zu schnell. Er hat nun 10 Tage Zeit sich bei der Polizei zu melden um dann die Busse von 700 Ksh zu bezahlen. Dass ist ein stolzer Betrag von umgerechnet 15.- sFr. Sollte er dies versäumen muss er für einige Tage ins Gefängnis.
Nach fünf Stunden machen wir einen Halt. Es tut uns allen gut die Beine zu vertreten. Es ist heiss geworden und für die weiterfahrt lassen wir die Bustüre offen. Das einst so grüne Land droht unter der Sonne zu verbrennen. Soweit das Auge reicht sind nur noch verdorrte Büsche zu sehen. Die Mehrheit der Bäume präsentiert sich nur noch wie ein armes Gerippe aus vertrocknetem Geäst.
Endlich gegen vier Uhr Nachmittags erreichen wir Emali. Wir halten nur kurz an, damit Justus auf dem Markt das Abendessen einkaufen kann. Wir bewachen den Bus. Es geht nicht lang und wir sind von einigen Menschen umzingelt. Die meisten von ihnen beklagen sich über die momentanen Verhältnisse. Sie regen sich auch sehr über die Regierung auf. Ist ja auch kein Wunder, denn alle haben sie grossen Hunger. Der Regen blieb aus und die Regierung verkauft Mais und Bohnen lieber für teures Geld an einen Nachbarstaat.
Wir fahren weiter zu Simon. In seinem Store laden wir die mitgebrachten Lebensmittelsäcke wie Salz, Fett, Tee, Glukose und Zucker ab. In der Nduundune Schule neben an haben uns die Kinder schnell bemerkt. Gegen 100 rennen uns entgegen und umzingeln mit Geschrei den Bus. Sie winken und lachen. Sie freuen sich riesig dass wir wieder da sind. Der Empfang treibt mir Tränen in die Augen.
Nach dem Abladen geht es mit dem Bus auf die letzte Etappe den Hügel hoch. Die Strasse ist sehr eng und natürlich auch sehr holprig. Bei unseren Nachbarn ist die Fahrt zu Ende. Hier laden wir den Rest aus und ab und gehen die letzten 300 Meter zu Fuss.
Von überall her strömen Kinder und Erwachsene auf uns zu. Jeder von ihnen packt mit an, ja sogar die Kleinen packen kräftig zu und tragen die schweren Koffern bis zur Familie Kassimu. Auch zu Hause freuen sich alle dass wir wieder da sind. Vor allem Eunice, sie erdrückt mich beinahe vor Freude und drückt so auch ihre grosse Dankbarkeit aus. Im nu ist ein Teil bei Mum im Haus verstaut. Eunice beginnt das Abendessen zu kochen und wir richten uns im Haus von Justus wohnlich ein. Das Bett ziehen wir im Halbdunkel an und die persönlichen Lebensmittel stellen wir in Reih und Glied auf einem Tisch auf. Es ist immer wieder schön „zu Hause“ zu sein. Wir besprechen zusammen mit Justus die kommenden Tage. Vor allem der Samstag muss sehr gut organisiert sein, denn dann wollen wir alle Lebensmittel in der Schule verteilen. Der Tag war anstrengend und voller Emotionen. Wir sind müde.
Donnerstag 16.2.06
Früh morgens erwache ich und stelle fest, dass bei mir eine Grippe in Anmarsch ist. Nach dem Frühstück gehen wir zur Schule. Im Office werden wir erwartungsvoll begrüsst. Wir lernen den neuen Schulleiter Mr. Julius Mailu und den neuen Schulverwalter Albert Nzomo kennen. Die Kontrolle der Schule zeigt uns, dass sie unsere Arbeiten pflegen. Die Dachrinnen sehen gut aus und die Wassertanks sind innen ebenfalls gereinigt worden. Damit das Wasser nicht aus den Tanks gestohlen wird, muss Albert nun zwei Schlösser auf die Kosten der Schule organisieren. In der 7.Klasse ist das Dach eingestürzt. Es muss dringend Instand gesetzt werden. Das Blechdach können wir ohne Ersatz wieder verwenden. Das hat keinen Schaden genommen. Gut waren keine Kinder da, dass hätte schlimm Enden können.
In den meisten Klassenzimmern fehlt es an genügend Schulbänken. Wir werden das zu einem späteren Zeitpunkt genau kontrollieren und diskutieren. Der Sportplatz macht uns einen guten Eindruck. Thomas unser Metallfundi hat gute Arbeit geleistet. Sind doch die Fussballtore jedem Wetter ausgesetzt. Im Store finden wir noch alle Fussbälle und –tenüs vor und auch die Netzte sehen gut aus. Auch die beiden Pumpen für die Fussbälle sind noch in Takt. In einem Ecken finde ich sogar noch Pinsel, Dachfarbe, Dachrinnen und Klammern. Dass erstaunt uns sehr. Damit haben wir nicht gerechnet. Unsere strenge Kontrolle beenden wir nach knapp 3 Stunden. Nun wollen wir den Samstag noch organisieren. Die Verteilung der Lebensmittel sehen wir als heikle Sache an. Zu siebt besprechen wir unser Vorgehen. Wir wollen ja, dass das ganze zivilisiert von statten geht. Jetzt kommt unsere Schweizer Qualität stark zum Ausdruck. Als Dank erhalten wir in der Schule einen einfachen Lunch.
Da auch Simon uns einige Lebensmittel wie Mais und Bohnen organisiert hat, machen wir einen kurzen Halt bei ihm im Shop und werden schon mal einen grossen Betrag los. Der Wind bläst über das trockene Land. Immer wieder entstehen Windhosen.
Wir sind auf dem Weg zu Steven.
Steven ist stark behindert. Er kann nicht laufen und nicht sprechen. Wir vermuten bei ihm eine Zerebrallähmung. Er bekommt einen Rollstuhl und Kleider. Auch seiner Familie wollen wir Kleider schenken. Unterwegs treffen wir auf seine Freunde. Da sie noch nie weisse gesehen haben, sind sie uns gegenüber etwas misstrauisch.
Es ist ein heisser Tag. Auf dem Heimweg statten wir noch drei Familien einen Besuch ab. Auch sie erhalten Kleider, Bett- und Frottewäsche.
Wieder zu Hause sitzen wir im Schatten und schauen den Kindern beim Fussball spielen zu. Erst jetzt merken wir, dass unsere Füsse schmerzen. Obwohl die Temperaturen hoch sind geniessen wir heissen Tee. Etwas anderes gibt es nicht zu trinken. Es ist bereits schon vier Uhr und für den Rest des Nachmittags unternehmen wir nichts mehr. Ich freue mich jetzt schon wieder auf Steven. Obwohl er nicht sprechen kann, konnten wir seine Freude sehr wohl spüren. Er hat uns mit seinen dunklen Augen strahlend angesehen und uns dabei fest gedrückt. Wir haben uns gegenseitig fest ins Herz geschlossen.
Meine Erkältung wird immer schlimmer. Mittlerweile bin ich heisser geworden und das Schlucken schmerzt ein wenig. Wenn nicht alles so trocken wäre, dann könnte ich vom „heilenden Busch“ einige Blätter entnehmen. Man lässt sie an der Sonne trocknen, reibt sie klein und mischt etwas Wasser dazu. Dann steckt man den Brei in die Nase, in die Ohren oder man legt ihn unter die Zunge. Die Blätter sollen eine starke Wirkung haben. Der ehemalige Schulleiter Michael kommt kurz auf Besuch. Er hat gehört, dass wir da sind. In der Zeit kocht Eunice das Abendessen. Wir sind müde vom Tag. Auch kein Wunder, unsere Füsse haben uns 14 km weit getragen.
Freitag 17.2.06
Meine Erkältung lässt mich leiden. Am liebsten würde ich liegen bleiben. Geht nicht, die Pflicht ruft. Der Himmel ist leicht bewölkt. In der Nacht hat es abgekühlt und das Thermometer misst knappe 22° Grad. Mit etwas Verspätung kommen wir in der Schule an. Der Chef – Fundi ist bereits schon da und wartet geduldig auf uns. Wir wollen das Dach reparieren und die Schulbänke aufstocken. Wir sind gespannt, was das alles kostet. Damit der Fundi das Holz für das Dach genau messen kann, wird das Schulzimmer kurzerhand geräumt. Bei uns unvorstellbar, dass die Kinder ohne Dach Unterrichtet werden. Hier in Afrika ist das aber ganz normal. Alle packen mit an und im nu ist das Zimmer leer. Das Messen und berechnen dauert so seine Zeit. Nach einer Stunde wissen wir, hoffentlich auch genau, was der Fundi zum Arbeiten braucht. Mit ihm mache ich noch den Preis für die Arbeit aus. Wie immer drücke ich ihn stark herunter. Dafür erhalten alle Arbeiter, sofern sie die Sache gut machen, zum Lohn auch noch Kleider dazu. Der Fundi ist mit der Abmachung mehr als zufrieden. Da wir auch noch die Schulbänke kontrollieren wollen ist er uns dabei behilflich. In der 1. Klasse gibt es gerade mal 25 Bänke für 80 Schüler. Insgesamt braucht die Schule 42 neue Schulbänke. 37 für die grossen Kinder ab der 5. Klasse und 5 Bänke für die Kleineren. Der Kindergarten bekommt 4 kleine Tische und die neun Lehrer erhalten je einen Tisch mit Stuhl. 102 Schulbänke lassen wir reparieren. Für ein Mädchen, das später auch einen Rollstuhl bekommt, lassen wir einen Spezielen Schulbank machen. So kann sie direkt mit dem Rollstuhl an ihren Bank fahren.
Mittlerweile ist es Mittag geworden. Ein alter rostiger Matatu hält bei der Schule an. Wir quetschen uns hinein und fahren mit dem Fundi zum einkaufen in die Stadt. Hoppla, das dachte ich mir. Wir haben eine Reifenpanne. Nach langem hin und her findet sich unter den Sitzbänken ein noch älterer gebrauchter Pneu. Kurzerhand wird die Panne behoben und die Fahrt geht weiter Richtung Stadt. Wenn wir Glück haben, dann kommen wir ohne weitere Panne in der Stadt an.
Tja, Afrika live. Kurz vor der Stadt stehen wir wieder still. Der Pneu hat Luft verloren. Wir gehen das letzte Stück zu Fuss und direkt in den Shop. Hier bekommen wir Holz, Nägel, Metallbänder um das Holz zu fixieren, Dachnägel und Holz für die Konstruktion. Unser Fundi nimmt die Sache sehr genau und hilft eifrig mit. Draussen wird alles auf einem Haufen gelagert und wartet mit ihm auf den Transport zur Schule.
Vom letzten Jahr haben wir noch einige Fotos im Gepäck. Wir gehen nun von Shop zu Shop um die Fotos zu verteilen. Beim Schreiner Justus bestellen wir noch die Schulbänke, Stühle und Tische. Er freut sich auf den Grossauftrag und macht mir einen guten Preis. Ich verspreche ihm, dass er nächstes Jahr ein schönes neues Hemd bekommt. Auch bei Fundi Thomas schauen wir vorbei. Er sieht nicht gerade gesund aus. Sämtliche Knochen kann man sehen. Wir erkundigen uns ganz spontan für ein Spielgerät für den Kindergarten. Da wir das aber in der Schule zuerst noch besprechen wollen, legen wir uns noch nicht fest. Die Zeit läuft uns beinahe davon. Es ist bereits vier Uhr Nachmittags. Wir suchen alles und jedermann zusammen und fahren mit dem Pick-up von Simon zu ihm in den Shop, holen dort noch den zweiten Rollstuhl und anschliessend in der Schule laden wir noch das ganze Material ab. In der Zeit hat eine Lehrerin das behinderte Mädchen von zu Hause geholt. Sie wirkt sehr scheu und zurück haltend. Trotz allem spüren wir auch bei ihr grosse Freude über den erhaltenen Rollstuhl. Ab und zu wischt sie sich einige Tränen aus den Augen. Ihre Geschwister freuen sich mit ihr und von anderen Schülern wird sie bewundert. Mit ihrem „Rolls Roys“ fährt sie nach Hause.
Auch wir machen uns auf den Heimweg. In unserer Villa Durchzug herrscht noch ein völliges Chaos. Überall stehen und liegen prall gefüllte Koffer herum und die vielen Kleider müssen neu sortiert, ja sogar umgepackt werden. Ich kann gerade mal nur 3 Koffer richten. Die Dunkelheit macht mir einen Strich durch die Rechnung. Für heute ist Schluss und wenn ich ehrlich bin, bin ich froh meine Füsse hoch zu lagern, denn sie haben heute wieder 19 km geschafft.










